Der Historische Umzug
Zwei Stunden Renaissance, vor dem Sturm.
Am späten Nachmittag, während die Glocke des Torre del Mangia — der Sunto — über die Piazza läutet, verwandelt sich die Tuffbahn in eine Bühne: Dies ist die Passeggiata Storica, das zum Leben erweckte Gedächtnis der Republik Siena. Rund sechshundert Figuren ziehen in Renaissance-Kostümen — und sie sind keine Statisten: Es sind Sienesen der Contraden, und die Kostüme sind bestickte Samte, gehütet wie Reliquien.
Die Bannerträger und Amtsträger der Stadt eröffnen den Zug; dann, eine nach der anderen, alle siebzehn Contraden — der Trommler, die Fahnenträger, der Duce mit seinen Pagen, der Jockey zu Pferd und das mächtige Umzugspferd, der «soprallasso». An jeder Station führen die Fahnenträger die Sbandierata aus: Die Fahnen wirbeln zu den Fenstern empor, und von dort oben scheinen sie allein Ihnen zu grüßen.
Zwei Details, die keiner vergisst, der vom Fenster aus zusieht. Das erste kommt vor dem Umzug: der Angriff der berittenen Carabinieri, gezückte Säbel, im Galopp über den Tuff — die ganze Piazza brüllt. Das zweite zieht fast lautlos vorüber: Unter den Kostümgruppen marschieren auch die sechs erloschenen Contraden, seit Jahrhunderten verschwunden. Siena vergisst nicht einmal seine Toten.
Den Abschluss bildet der Carroccio, von weißen Ochsen gezogen, mit dem Drappellone, den bald eine einzige Contrada nach Hause tragen wird. Wer nie beim Palio war, hält es für Warten. Wer dabei war, weiß, dass es die Hälfte des Schauspiels ist — und von Ihrem Fenster entgeht Ihnen nichts davon.